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Paradeplatz – Ort der Begegnung

Paradeplatz

In den vergangenen Tagen war der Paradeplatz in Würzburg und die Verbindungsachse Dom zur Residenz über die Hofstraße samt angrenzender Plätze ein heiß diskutiertes Thema in der Würzburger Kommunalpolitik. Der Paradeplatz ist der gepflasterte Bereich hinter dem Dom, an welchen der Kiliansplatz neben dem Dom und der Kardinal-Döpfner-Platz anschließt. Der Paradeplatz und Kardinal-Döpfner-Platz werden im Moment hauptsächlich als Parkplatz genutzt.

Disskussion um Parkraum

Seit 2012 wurden wiederholt in den Stadtrat Anträge eingebracht, die Situation hinter dem Dom zu verbessern und den Platz umzugestalten. Es gab sogar 2010 einen Realisierungswettbewerb für die Hofstraße. Nachdem sich in all den Jahren nichts verändert hatte, wurde nun Anfang Januar von den Grünen, der SPD, der Linken und der ÖDP/WL ein Antrag mit konkreten Schritten und Ideen für die Umgestaltung in den Stadtrat eingebracht.
Danach gab es sehr viele emotionale Reaktionen zu diesem Vorschlag. Die CSU Fraktion stellte die These eines “Sterben des Einzelhandels” bei Reduktion der Parkplätze auf und auch Vertreter des Einzelhandels sprachen sich für die Erhaltung der Parkplätze aus. Von Seiten einiger Bürger, Verbänden und der Bürgerinitiative “Bündnis Verkehrswende” kamen viele positive Rückmeldungen für den Vorschlag. Gleichzeitig steht auch interessierten Bürgern die Plattform https://wuerzburg-mitmachen.de/ zur Verfügung, wo Sie Ihre Meinung zu verschiedenen Umgestaltungsvorschlägen inkl. dem Paradeplatz einbringen können.

Vorteile der Umgestaltung

Paradeplatz
Paradeplatz (Foto:privat)

Ein wesentlicher Punkt die Chance für Veränderung am Paradeplatz nun zu nutzen, ist die Klimaerwärmung. Die Zahl der Hitzesommer und Tropennächte (Nächte über 20 Grad) hat in Würzburg deutlich zugenommen. In der Innenstadt lässt sich laut der Universität Würzburg im Sommer eine um 5,4° höhere Temperatur als in Gerbrunn messen. Als Grund wird die erhöhte Versiegelung und weniger Grünflächen der Innenstadt angegeben (Uni Würzburg, 2018). Die Problematik wird auch im neuen Freiraumkonzept und Klimakonzept der Stadt Würzburg (Stadt Würzburg, 2020) thematisiert und wie sich diese Hitzebelastung vor allem auf geschwächte und ältere Menschen auswirkt. Dies kann zu gesundheitlichen Problemen führen und da die Klimaerwärmung und auch die Alterung der Gesellschaft weiter zu nehmen wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Problem weiter um sich greifen wird.

Hitzediagramm der Würzburger Innenstadt (Quelle: Universität Würzburg)
Hitzediagramm der Würzburger Innenstadt (Quelle: Universität Würzburg)

Ein weiterer Aspekt als Argument für die Neugestaltung ist der Erfolg der Erweiterung der Fußgängerzone in der Eichhornstraße. Früher waren Autos ein dauerhafter Teil der Eichhornstraße und die Zufahrt zur Marktgarage verlief auch durch sie. Wenn man heutzutage am Wochenende (vor Corona) durch die Fußgängerzone schlendert, wird man sich das kaum vorstellen können. Die Menschen und Geschäfte profitieren deutlich von dem Platz, der Ihnen gegeben wurde. Viele Studien belegen mittlerweile die Vorteile und Mehreinnahmen von Geschäften, wenn deren Anfahrt attraktiv für Fußgänger und Radfahrer sind. So stellt das Deutsche Institut für Urbanistik fest, dass Radfahrer und Fußgänger die Geschäfte häufiger frequentieren und länger verweilen. Gleichzeitig ist die Gruppe der Radfahrer auch eine kaufkräftige Kundschaft (Nationaler Vekehrsplan, 2011). Ein Architekt aus Frankfurt äußerte sich dazu kürzlich in der FAZ:

„Wenn wir langfristig denken, dann ist klar, dass wir das Auto aus der Innenstadt weiter verdrängen müssen, weil es einfach zu viel Platz einnimmt, ob während des Fahrens oder geparkt. Es ist ein großer Gegenstand, ein Fahrrad ist ein kleiner Gegenstand. Die Doktrin, die in den siebziger Jahren galt, dass alle Ziele mit dem Auto erreichbar sein müssen, gilt nicht mehr. Durch die Elektromobilität ist das Fahrradfahren für viele Menschen reizvoller geworden, und die überbrückbare Distanz hat deutlich zugenommen.“

(Schumacher, 2020)
Parking Day 2017 des VCD  (Foto: vcd Mainfranken Rhön e.V.)
Parking Day 2017 des VCD (Foto: vcd Mainfranken Rhön e.V.)

Ganz zu schweigen von touristischen Potentialen – so sind u.a. die Alte Mainbrücke und die Residenz zwei Touristenschwerpunkte in Würzburg und deren Verbindungsachse verläuft über die Hofstraße und den Paradeplatz. Im Moment bekommen Touristen nach der Fußgängerzone nur das Bild eines großen Parkplatzes vor Augen geführt und wie auch in dem Freiraumkonzept der Stadt ausgeführt, schafft das eine Barrierewirkung. @HerrAug bemerkte dazu auf Twitter: “War im Sommer als Touri da und dachte nur: Omg wie kann man das Herz der Stadt nur derart verschandeln. Und ein Einzelhandel wird von einem grüneren Verkehrskonzept sehr profitieren.” Dadurch ist der Platz im Moment definitiv kein “Paradestück”.

Paradeplatz (Foto: privat)
Paradeplatz (Foto: privat)

Ein Argument, welches häufig bei der Diskussion für die Reduktion von Parkplätzen auftaucht, ist die Erreichbarkeit der Stadt. Vor allem Ältere und mobilitätseingeschränkte Personen benötigen dazu Möglichkeiten, innenstadtnah zu parken. Genau deswegen hat der Vorschlag eine deutliche Ausweitung der Behindertenparkplätze aufgenommen und in der abschließenden Diskussion würde sich auch eine gewisse Anzahl an Kurzparkplätzen für Besucher der umliegenden Arztpraxen erörtern lassen. Insgesamt sollte bei dieser Diskussion um Barrierefreiheit aber nicht außer Acht gelassen werden, dass der ganze Platz mit dem Kilianplatz wenig geeignet für mobilitätseingeschränkte Personen gestaltet ist. So ist die Pflasterung sehr uneben für Rollstuhlfahrer, der Zebrastreifen zum Dom endet an einem sehr schmalen Gehweg und es gibt wenig schattige Aufenthaltsmöglichkeiten.

Familienspiel- und Trefflpunkt (Foto: Publicspace Superblock)
Familienspiel- und Trefflpunkt (Foto: Publicspace Superblock)

Bei Lebenswerten Städten sind Aufenhalts- bzw. Sitzmöglichkeiten zusammen mit Begrünung und Spielpunkten für Familien ein wesentlicher Bestandteil.
Gerade Spielpunkte und Plätze für Familien gibt es in der Stadt nicht ausreichend. Durch die Aufwertung des Platzes mit Aufenthaltsflächen, Begrünung und der angrenzenden Außengastronomie des neuen Restaurants kann auch ein neuer Begegnungsraum für Bürger geschaffen werden. Die sozialen Interaktionen haben sich in den letzten Jahren stark aus dem öffentlichen Raum in die digitalen und sozialen Medien verlagert. Der öffentliche Raum muss dafür gestärkt werden. Durch ein Aufeinandertreffen von jung und alt und verschiedenen Bevölkerungsgruppen entsteht erst ein wichtiger Schritt für gegenseitige Anerkennung und eine offene und tolerante Gesellschaft.

„Angesichts einer zunehmenden virtuellen und sozialen Segregation der Gesellschaft ist es besonders wichtig, Räume zu schaffen, in denen spontane soziale Begegnung möglich ist.“

(Albrecht 2018).
Begegnungsraum Amsterdam (Foto: Mobilegeeks Autofreie Innenstadt)
Begegnungsraum Amsterdam (Foto: Mobilegeeks Autofreie Innenstadt)

Abkühlung im Sommer?!

Eine besonders interessante Idee wurde von einem  Bürger auf Würzburg-mitmachen.de vorgeschlagen: Dieser brachte die Idee eines Kneippbeckens am Paradeplatz ein, wodurch sich Menschen im heißen Sommer erfrischen können. Orte des Wassers für die Steigerung der Verdunstung zur Abkühlung sind auch im Klimakonzept der Stadt Würzburg vorgeschlagen.

Ausreichend Parkpätze in der Würzburger Innenstadt

Abschließend soll die Reduktion der Parkplätze im Zusammenhang mit der Parksituation betrachtet werden. Auf dem Paradeplatz würden ca 130 Parkplätze umgewidmet werden, während es in Würzburg gesamt fast 9000 Parkplätze gibt. Um den Paradeplatz herum befinden sich auch eine Reihe sehr nahe gelegener Parkhäuser (Pleich, Haugerkirchplatz, Juliusspital, Residenz und Marktgarage). Alleine in der Residenz und Marktgarage befinden sich 349 und 494 Stellplätze in nächster Nähe der Fußgängerzone und stellen so die fußläufige Erreichbarkeit der Innenstadt sicher. Laut dem Parkraumkonzept der Stadt Würzburg (2013) sind die Tiefgaragen auch an gut besuchten Tagen nie 100% belegt. Hinzu kommt auch noch der zukünftige Neubau des Quellenbachparkhauses am Bahnhof mit 1000 Stellplätzen.
Generell ist Würzburg Spitzenreiter bei der Anzahl der Parkplätze im Vergleich zu ähnlich bevölkerungsreichen Städten, wie eine Auswertung der Agenda 21 im Januar 2021 gezeigt hat, die sie in einem Schreiben an den Würzburger Stadtrat vom 26. Januar 2021 bekräftigt.

Stellplätze in der Innenstadt (Quelle: Agenda 21)
Stellplätze in der Innenstadt (Quelle: Agenda 21)

Deswegen ist die Anzahl des Wegfalls der Parkplätze von 130 im Vergleich zu in baldiger Zukunft Verfügung stehenden Parkplätzen von fast 10 000 insgesamt gesehen nicht relevant.

Dazu passt gut ein Stichwort der Heinrich-Böll-Stiftung (2019):
“Um den Verkehr menschenfreundlicher zu gestalten, müssen Straßen und Plätze anders genutzt werden. Ein neues Stichwort in der Debatte ist „Flächengerechtigkeit“.“

Heinrich-Böll-Stiftung

Deswegen werden die Kunden aus dem Landkreis, welche mit dem Auto anfahren wollen, auch in Zukunft genügend Parkplätze für den Einkauf in der Innenstadt vorfinden.

Aufgrund der Verkehrswende, dem Pariser Abkommen und dem Kampf gegen den Klimawandel (wofür sich die Stadt auch ausgesprochen hat), ist deswegen die Umgestaltung des städtischen Flächen ein wichtiger Aspekt, um unsere Stadt gegen die Auswirkungen des Klimawandels auf die Stadt und deren Einwohner zu schützen.

“Es geht darum, dem Auto in den Städten öffentliche Räume zu entreißen. Unsere Städte sind keine Parkplätze, Städte sind Orte zum Leben. Es sind Städte für Menschen und nicht Städte für Autos.“

(Dedy 2020)

Quellen:

Fotos:


3 Gedanken zu „Paradeplatz – Ort der Begegnung

  1. Ihr habt vollkommen recht, Städte sind keine Parkplätze, sondern sollten Orte der Begegnung sein. Sehr schön finde ich die Fotos von Amsterdam und der zur Spielstraße umgestalteten Straße. Hier spielt sich Leben ab. Wir haben uns schon viel zu sehr an traurige Parkplatzstraßen und Parksuchverkehr-Straßen gewöhnt. Die immer größer werdenden Autos verschlingen dabei auch immer mehr Raum. Leider ist der Einzelhandel schwer zu überzeugen, dass Pakplätze nicht automatisch Käufer anlocken. eine zähes und mühseliges Unterfangen hier Veränderung im Denken zu erreichen. Dennoch ist Aufgeben keine Option.

    1. Totaler Schwachsinn. In Amsterdam leben Radler Autofahrer und ÖPNV friedlich nebeneinander, da gibt es genug Parkplätze für Autos und Radler. Wie der Einzelhandel ja durch die Parkplatzvernichtung in Würzburg vernichtet wurde, sieht man an den vielen teils seit Jahren leer stehenden Geschäfte. In anderen Städten gibt es draußen vor der Stadt eine große Einkaufsmeile mit 10.000 und mehr Parkplätzen sowas brauchen wir auch für Würzburg, dann kann man auf die Innenstadt pfeifen und die ist dann genauso schön tot und leer wie in Schweinfurt

      1. Entschuldigung, aber Ihre Argumentation ist leider falsch. Nachweislich stärken Radfahrer*innen den Einzelhandel. Ein Beispiel aus dem Würzburg Alltag gefällig? Eichhornstraße. Heute Fußgängerzone, gestern Autostraße. Heute florierend, ein Geschäft neben dem anderen. Vernichtungsfantasien können wir hier nicht nachvollziehen.
        Wer es genauer wissen möchte, kann hier eine Studie zu dem Thema lesen: Fußgänger*innen und Radfahrer*innen besuchen Einkaufsstraßen häufiger und geben dort mehr Geld aus als Autofahrer*innen. https://tfl.gov.uk/corporate/publications-and-reports/economic-benefits-of-walking-and-cycling

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